Richard David Precht – der junge Wilde der Philosophie

Kaum ein Intellektueller hat in Deutschland in den letzten Jahren für so viel mediales Aufsehen gesorgt wie Richard David Precht. Jung und gut aussehend, charismatisch und provozierend hat er die Intellektuellenszene in Deutschland aufgemischt. Für Precht findet Philosophie nicht im stillen Kämmerlein statt, sondern hilft dabei, die Anforderungen des modernen Lebens zu verstehen und zu bewältigen.

Born to be wild?

Er ist Journalist und Talkshowgast, Vortragsreisender, Roman- und Sachbuchautor, Essayist, Honorarprofessor und Moderator einer eigenen Fernsehsendung – Öffentlichkeitsscheue kann man Richard David Precht ganz sicher nicht vorwerfen. Im Gegenteil: Der Philosoph sucht die Öffentlichkeit und ist sich selbst sein bester Promoter.

Richard David Precht wurde 1964 in Solingen geboren. Mit fünf Geschwistern wuchs er in einer linksliberalen, multikulturell geprägten Familie auf. Nach dem Abitur studierte er in Köln Philosophie, Kunstgeschichte und Germanistik und promovierte 1994 über Musils „Mann ohne Eigenschaften“. Bereits als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem kognitionswissenschaftlichen Projekt verfasste er Essays für führende Zeitungen und Features für TV-Sender. In den letzten Jahren hielt er mehr als 200 Vorträge und hat eine beachtliche Schar an Fans und „Jüngern“ hinter sich gebracht, darunter auch viele Zeitgenossen, die sich sonst nicht für philosophische Themen interessieren.

Wer bin ich?

Das Werk, das Prechts Ruhm begründete, war – ähnlich wie über ein Jahrzehnt früher Jostein Gaarders „Sofies Welt“ – eigentlich als Kinderbuch gedacht. „Wer bin ich und wenn ja wie viele?“ ist eine Einführung in die Philosophie-Geschichte und liefert einen Überblick über Meilensteine der Philosophie. Auf Empfehlung der Literaturkritikerin Elke Heidenreich katapultierte sich das Buch im Jahr 2008 innerhalb kürzester Zeit auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste. Auf der Liste verblieb es über viereinhalb Jahre – bis heute ein Rekord. „Wer bin ich und wenn ja wie viele?“ wurde in 32 Sprachen übersetzt und über 1,2 Millionen Mal verkauft. Statt philosophische Thesen theoretisch zu erläutern, werden grundsätzliche Fragen des Lebens aus philosophischer Sicht diskutiert und beantwortet. Kennzeichnend ist die gerade, sehr präzise Sprache, die den philosophischen Kern eines Sachverhalts ohne große Umschweife auf den Punkt bringt und so fast wie eine Handlungsanweisung fürs Leben wirkt.

Precht wendet sich zunehmend konkreten, gesellschaftspolitischen Themen zu. Seine Bücher beschäftigen sich mit Themen wie Sexualität, Erziehung, Moral und Verantwortung. Die Zeitgemäßheit seiner Themen macht ihn zu einem gern gesehenen Gast in Talkshows und auf Kongresse, zumal er auch vor klaren Stellungnahmen zu aktuellen Themen nicht zurückscheut.

Viele Freunde, viele Neider?

Richard David Precht polarisiert. So ist es fast folgerichtig, dass er nicht nur Freunde hat. Sind seine Texte geistreich oder populärwissenschaftlich? Ist es Charisma oder Personenkult? Die „Zeit“ hat ihn als „Bürgerphilosophen“ bezeichnet, die TAZ fand gar die Bezeichnung „redegewandter Dressman“. Was immer man im Detail von Precht halten mag, klar ist: Er ist ein kluger Kopf und trifft den Nerv der Zeit. Menschen suchen nach Orientierung und Precht hat die Lust an philosophischen Fragen (und Antworten) neu belebt. Richtungsweisender Philosoph oder selbstverliebter Prediger? Wie so oft liegt auch hier die Wahrheit wahrscheinlich in der Mitte.

Bild: Brigida Soriano – Fotolia